Linker Bundestagsabgeordneter trifft hessische Psychotherapeut*innen
Versorgungslage spitzt sich zu
Der Bundestagsabgeordnete Jörg Cezanne (Die Linke) hat sich mit hessischen Psychotherapeut*innen über die aktuelle Lage der psychotherapeutischen Versorgung ausgetauscht.
Im Mittelpunkt des Gesprächs standen die geplanten Veränderungen bei der Vergütung, die fortschreitende Budgetierung sowie die insgesamt angespannte Versorgungssituation mit langen Wartezeiten und begrenzten Kassensitzen.
Die Teilnehmer*innen machten deutlich, dass die politischen Debatten häufig ein verzerrtes Bild zeichnen. So wird derzeit über Kürzungen bei der Vergütung diskutiert – unter anderem mit Verweis auf gestiegene Honorare in den vergangenen Jahren. Dabei werde jedoch ausgeblendet, dass Psychotherapeutinnen historisch von einem deutlich niedrigeren Niveau gestartet seien und im Vergleich zu anderen Facharztgruppen weiterhin schlechter gestellt sind.
Dabei werden die steigenden Honorare der letzten Jahren oft isoliert dargestellt. Tatsächlich haben die Psychotherapeut*innen lediglich einen Rückstand aufgeholt – und sind immer noch die am schlechtesten vergütete Gruppe unter den Ärzt*innen. Gleichzeitig gibt es aber eine enorme Nachfrage: „Unsere Wartelisten reichen teilweise bis Mitte nächsten Jahres.“, betonen die Anwesenden.
Vanessa Stark, Psychotherapeutin aus Bischofsheim, kritisierte insbesondere die öffentliche Darstellung der Arbeitssituation: „"Es gibt eine regelrechte Desinformationskampagne. Uns wird vorgeworfen, wir würden zu wenig arbeiten. Tatsächlich sind 25-27 Sitzungen pro Woche realistisch. Die vom GKV-SV postulierten 36 Sitzungen sind fern jeder Realität und wären in der therapeutischen Arbeit nicht verantwortbar." Zudem verwies sie auf die wirtschftschaftlichen Folgen der geplanten Rückführung in die Budgetierung. "Wir müssten mit erheblichen Honorareinbußen rechnen und Therapiekapazitäten würden wegfallen, weil Leistungen nicht mehr verlässlich vergütet würden. Das gefährdet die Existenz von Praxen."
Auch die Versorgungslage sei dramatisch, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen. Sebastian Glock, Kinder- und Jugendtherapeut aus Groß - Gerau, erklärte: „Wartezeiten von anderthalb bis drei Jahren sind keine Seltenheit – in Einzelfällen sogar bis zu vier Jahre. Gerade nach der Corona-Pandemie ist der Bedarf massiv gestiegen.“ Er hob zudem die strukturellen Probleme hervor: „Viele Aufgaben, die eigentlich bei Jugendämtern oder anderen Stellen liegen, werden an uns weitergereicht. Das kostet Zeit, die wir eigentlich für Therapie brauchen.“
Ein weiteres Problem sei der hohe bürokratische Aufwand. Ein erheblicher Teil der Arbeitszeit entfalle auf Dokumentation, Koordination und organisatorische Aufgaben – oft unbezahlt. Gleichzeitig müssten Therapeut*innen regelmäßig Anfragen ablehnen, was gerade für psychisch belastete Menschen eine zusätzliche Hürde darstelle.
Jörg Cezanne zeigte sich alarmiert: „Die psychotherapeutische Versorgung ist ein zentraler Bestandteil unseres Gesundheitssystems – und gleichzeitig völlig unterfinanziert. Es kann nicht sein, dass Menschen monatelang oder sogar jahrelang auf Hilfe warten müssen.“ Die Linke fordere daher unter anderem den Ausbau von Kassensitzen, die Abschaffung der Budgetierung sowie eine bedarfsgerechte Vergütung. „Psychotherapie ist nicht nur entscheidend für die Gesundheit der Menschen – sie ist auch eine der wirksamsten Präventionsmaßnahmen für einen funktionierenden Arbeitsmarkt. Wer rechtzeitig behandelt wird, bleibt arbeitsfähig und vermeidet langfristige Folgekosten wie Klinikaufenthalte oder Erwerbsunfähigkeit.“
Auch Christiane Böhm, Fraktionsvorsitzende der Linken im Kreistag Groß-Gerau, unterstrich die Bedeutung des Themas auf kommunaler Ebene: „Die schlechte Versorgung hat direkte Auswirkungen vor Ort – auf Familien, Schulen und soziale Einrichtungen. Gerade Kinder und Jugendliche dürfen wir hier nicht allein lassen. Wir brauchen endlich eine Politik, die die Realität anerkennt und entsprechend handelt.“
Abschließend waren sich alle Beteiligten einig: Ohne grundlegende Reformen droht sich die Versorgungslage weiter zu verschärfen – mit erheblichen Folgen für die Betroffenen und die Gesellschaft insgesamt.
Zugang zur Petition: https://epetitionen.bundestag.de/petitionen/_2026/_03/_22/Petition_196912.html

